Höhlenforschung in Amberg 1535
Die Erforschung der Höhlen im Oberpfälzer Jura geht bis in das 16. Jahrhundert zurück:
Der älteste bis heute überlieferte Oberpfälzer Höhlenbericht stammt aus dem Jahr 1535.
Höhlenforschung durch Amberger Bürger im Jahr 1535
Damals beschlossen 25 Bürger aus Amberg, eine Höhlenfahrt nach Prendenwind - dem heutigen Breitenwinn bei Velburg - zu unternehmen. Diese Höhle hatte schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu vielen Spekulationen Anlaß gegeben: von ihr wurden allerlei Schauergeschichten erzählt. Auch versuchten nicht einige wenige, in die Höhle einzudringen; sie kamen jedoch nicht allzu weit, weil sie die Furcht vor dieser unheimlichen Unterwelt meist bald wieder umkehren ließ. Die mutigen Amberger Höhlenforscher gingen dieses Unternehmen jedoch geradezu generalstabsmäßig an: Sie rüsteten sich mit Leitern, Strickleitern, Laternen, Feuerzeugen Lebensmitteln sowie einem Fäßchen Wein aus und gingen vor dem Antritt der Forschungsreise - in der Überzeugung, daß diese Fahrt in die Unterwelt ein Unternehmen auf Leben und Tod sei - alle zur Beichte und zur Heiligen Kommunion (Sieghardt 1958).
Als Termin für die Höhlenfahrt wurde der Peter- und Paulstag (29.6.) 1535 gewählt. Vor dem Höhleneingang angekommen, erwählten die Expeditionsteilnehmer zwei Führer, von denen der eine an der Spitze, der andere am Ende der Gruppe zu bleiben hatte. Im Lichtschein ihrer Laternen sahen sie wunderbare Tropfsteinbildungen von ungeahnter Pracht und Schönheit, weite Hallen und bizarre Grotten. Zu ihrem Entsetzen entdeckten die wagemutigen Amberger jedoch auch große Mengen von Menschen- und Tierknochen - “versteinerte Leichnamen”, wie es in einem zeitgenössischen Bericht hieß. Auch wurde einer der Forscher von einem herabfallenden Stein am Kopf getroffen; für den Urheber dieses Steinwurfes machten sie ein Sintergebilde verantwortlich, das wie ein Frauenbildnis aussah. Nach einem über acht Stunden andauernden Herumirren in den Hallen und Gängen der Höhle kamen die Expeditionsteilnehmer “glücklich, aber zerschunden, über und über beschmiert von Höhlenlehm, mit verzerrten Mienen und halbtot” wieder aus der Höhle heraus.
In Amberg wurden die Höhlenforscher freudig begrüßt und wegen ihres Mutes allgemein bestaunt und beglückwünscht. Das für die damalige Zeit äußerst wagemutige Unternehmen wurde durch einen der Teilnehmer - Berthold Büchner - noch im gleichen Jahr in einem Bericht festgehalten: Dieser wurde als vierseitige Schrift in einer Amberger Buchdruckerei verlegt und trägt den Titel: “Wunderparliche Newe Zeitung, so jetzt am tag Petri und Pauli, im fünfunddreissigsten jar, durch fünfundzwanzig Burger ung Burgers sön der Stadt Amberg, die inn einem holen Berg, drey meil wegs von der Stadt Amberg, inn ein gebyrg bey einem Dorff, haysst Predenwind, inn wölchem Berg sie bey neunhundert klaftern hineingegangen und durchkrochen…” (Sieghardt 1958).
Grabungen und Untersuchungen in der Höhle
In der etwa 320 m langen Höhle wurden in neuerer Zeit umfangreiche paläontologische und archäologische Untersuchungen durchgeführt. Es zeigte sich, daß die Höhle von der Jungsteinzeit über die Bronze- bis hin zur Eisenzeit den Menschen als Begräbnis- und wohl auch als Opferstätte gedient hat. Die Grabungen förderten umfangreiches Fundmaterial der vorzeitlichen Menschen zutage wie Steinwerkzeuge, Bronzeschmuck, Knochengeräte und Tongefäße. Problematisch erscheinen die an vielen Stellen gefundenen menschlichen Schädel- und Skelettreste, so auch die von Kindern: Sie scheinen darauf hinzudeuten, dasß unsere (prä-)keltischen Vorfahren anscheinend (rituellen?) Kannibalismus betrieben.
Höhlen wurden kultisch benutzt
Ähnliche Erscheinungen sind auch aus der Jungfernhöhle in Oberfranken bekannt. Höhlen waren ja nie leidlich bequeme oder naheliegende Unterkunftsräume für die vorgeschichtlichen Menschen, sondern sie wurden schon in frühester Zeit ausgesprochen kultisch genutzt. Von dem Zeitpunkt an, an welchem der Mensch den Bau selbständiger Unterkünfte beherrschte, in denen man bequemer und gesünder leben konnte, nutzte er die Höhlen trotzdem als Kulträume weiter. Auch das heutige Aufstellen von Heiligenbildern in Höhlen und auch die vielfache Einrichtung von Lourdesgrotten ist ohne eine gewisse, wenn auch nur unbewußte Überlieferung aus diesen vergangenen Zeiten nicht denkbar. Hingegen zeigen die an vielen Stellen angetroffenen, bereits versinterten Extremitätenknochen, wie Schädel- und Rippenfragmente sowie Backen- und Reißzähne von Höhlenbären, daß sich in der Eiszeit die Bären, wenn sie ihr Ende nahen fühlten, in die Höhle zum Sterben zurückzogen und ihre Knochen nach ihrem Tod auf natürliche Weise in tiefergelegene Höhlenteile geschwemmt wurden.
Die Breitenwinner Höhle wurde - da auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Hohenfels gelegen - 1960 zugemauert und ist deshalb zur Zeit nicht begehbar.




